Hessen


Seit ich blogge, bin ich zum leidenschaftlichen Perlensucher geworden. Perlen in der Provinz. Wenn Sie Wuhan oder Nitra nicht kannten, wird es Ihnen vielleicht genauso mit Hattersheim gehen, außer Sie kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Um die Relationen zurechtzurücken: Wuhan hat 9 Millionen Einwohner, Nitra 100.000 und Hattersheim hat 25.000. Um es etwas genauer zu beschreiben: Hattersheim ist nicht der Ort, in dem die meisten Bankmanager aus dem nahegelegenen Frankfurt wohnen; es ist eher eine Schlafstadt für die umliegende Industrie, z.B. dem benachbarten Höchst. Würden Sie dort eine Top-Bar erwarten? Sehen Sie – ich auch nicht; aber so langsam lerne ich, meine Großstadtarroganz abzulegen.

Karsten Kuske hat nach Abschluss seiner Lehr- und Wanderjahre eine Bar mit dem Namen „Switch – Die bewegte Bar“ eröffnet. Der Fantasie sind bei diesem Namen keine Grenzen gesetzt: es handelt sich tatsächlich um eine professionelle und hochqualitative Cocktailbar. Mit dem Namen verhält es sich so:

„Switch“ bedeutet wechseln, das bezieht sich auf das ständig wechselnde Zusatzangebot an Cocktails, Spirituosen, Weinen und Snacks. Unser Motto lautet „Gastronomie in Bewegung“ und daher kommt der Beiname „Die bewegte Bar“.

Kuske hat im Laufe seiner Jahre hunderte Spirituosen angesammelt, darunter viele Rums, American and Scottish Whysk(e)ys und noch mehr. Daraus macht er eine Vielzahl von guten Drinks, angefangen von den Klassikern in allen Variationen, Tiki und Fancy Drinks, Coladas. Zusätzlich bietet sich natürlich ein Ritt durch die Spirituosenabteilung an. Mich als eingfleischten Boubon-Trinker hat die große Auswahl gefreut, und die Tatsache, dass Karsten neben vielen anderen Blue Gin im Programm hat.

Die Switch-Bar hat von Mittwoch bis Samstag von 19h00 bis 2h00 geöffnet. Sie ist nur ein Jahr nach ihrer Eröffnung zur Nr. 1 der Bars im Rhein-Main-Gebiet (außer Frankfurt) gewählt worden.

Übrigens: Mit der S1 ist man in 15 Minuten vom Frankfurter Hauptbahnhof in Hattersheim. Noch 5 Minuten Fußweg, und Sie können bei Karsten Kuske gepflegt in der Provinz trinken.

Switch – Die bewegte Bar
Am Kirchgarten 11
65795 Hattersheim am Main
Tel.: 0 61 90 . 92 70 25

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Ein Trend, der in Asien und den USA schon lange in ist, setzt sich jetzt langsam auch in Deutschland durch: die Kombination von Bar und Restaurant, in voneinander abgegrenzten Räumen. Mir kommt das sehr gelegen, da ich aus dem Alter heraus bin, in dem ich von Kneipentür zu Kneipentür ziehen muss. Allerdings entfällt dadurch auch der Verdauungs- und Ernüchterungsspaziergang, so dass man bei der Zusichnahme von Speis und Drank doppelt aufmerksam sein muss.

„Wohin in Frankfurt“, ging meine Frage an den Experten für gehobene Barkultur? Trocken die kurze Antwort per E-Mail: „Frankfurt? Na klar! Steffen Lohr im Biancalani.“

Da ich mich ohnehin mit ausländischen Freunden auf ein gutes Dinner treffen wollte, passte dieser Tipp, nach kurzem Check auf der Webseite des Biancalani, perfekt. Einem runden Abend sollte nichts im Weg stehen.

Das Biancalani liegt auf der Sachsenhäuser Uferseite von Frankfurt nahe der Flößerbrücke, wo in den letzten Jahren ein kleines urbanes Subzentrum im modernen Mailänder Stil entstanden ist. Das Ensemble besteht aus einem Restaurant, einer Enoteca und der Cocktailbar mit Lounge.

Wir entschieden uns für das Sandwichverfahren: Drink – Essen – Drink. Ich kam etwas früher, um mit dem Keeper ins Gespräch zu kommen. „Sind Sie Steffen Lohr?“ – „Nee – der ist schon seit ein paar Wochen nicht mehr hier, mixt jetzt im ‚Ich Weiß,‘ einer neuen Bar. Ich bin sein Schüler und habe das jetzt hier übernommen.“ Ein Blick in die Karte lässt daran erinnern, dass hier auch schon Bastian Heuser von den Travelling Mixologists gewirkt hat. Kreativität pur. Ich entschied mich für den ‚Cilantro-Chili-Gimlet‘, einer Mischung aus Koriandersamen, frischem roten Chili, Gin, Rose’s Lime Juice und frischem Limettensaft. Eine Superkombination, die Leuten gefallen wird, die sowohl Gimlet als auch Chili mögen. Leider wurde der Drink nicht wie in der Karte angekündigt, in eine Martinischale abgeseiht, sondern (wie später auch der Sazerac) in einem Tumbler auf Eis serviert, was den Drink nach 5 Minuten verwässerte. Das Glas Wasser musste nachgefragt werden. Der Barkeeper fragt nicht nach der Wunschspirituose im Gimlet. Also, ein bisschen Üben (und vielleicht auch noch Unterstützung von den alten Helden) bringt die neue Crew sicher schnell auf den Stand, den das Biancalani bestimmt halten möchte.

Aber jetzt ins Restaurant – die Speisekarte hatte mich schon neugierig gemacht; sie verspricht moderne italienische Küche ohne modischen Schnickschnack zu akzeptablen Preisen – wenn die Qualität stimmt. Um es kurz zu sagen: Die Qualität stimmt auf den Punkt. Alles ist ganz fein, der Geschmack der jeweils wenigen Zutaten ist hervorragend herausgearbeitet.

Ich begann mit dem warmen Salat vom Octopus und Steinpilzen mit Croutons, Minze und Petersilie (€ 13,50): Der Oktopus butterweich und die Vinaigrette geradezu perfekt. Alles harmoniert. Dann als Zwischengang Entenstopfleber und Boudin-Blutwurst im Strudelteig auf Balsamico-Linsen mit Apfel (€ 13): auch hier das gleiche Gefühl: passt schon, wie der Wiener sagen würde. Schließlich noch die Dorade auf kleinen Artichoken mit Oliven (€ 22,70): Lecker, aber nicht so aufregend wie der Kabeljau mit Kalbszunge auf Wirsing und Kartoffelpüree und grobem Senf, den ich probieren durfte.

Mit den Weinen haben wir uns nicht sehr ausführlich beschäftigt, da wir noch von unseren Cocktails genug hatten. Der offene Soave war jedenfalls sehr ordentlich.

Von meiner Beschreibung möchte man meinen, dass dies ein perfektes Restauranterlebnis war. Leider weit gefehlt. Denn so gut das Essen, so qualvoll war es für uns, da die Raumakkustik in dem 70-Plätzerestaurant für einen solchen Lärm sorgt (ich schätze, um die 70-80dB), der nicht nur die Kommunikation gestört, sondern nach spätestens einer Stunde auch zu einem ansteigenden Rauschen im Kopf geführt hat. Schade!

Biancalani
Restaurant, Enoteca und Bar
Walter-von-Cronberg Platz 7-9
Frankfurt am Main
069-689776.15/.25/.20

Niemand sage, ich hätte mich nicht bemüht. Ich habe meinen Besuch in Kassel, immerhin einer Stadt von fast 200.000 Einwohnern und der Austragungsort der von mir seit 30 Jahren geliebten Dokumenta (ich sah die Beuys’sche Honigpumpe 1982!), minutiös vorbereitet. Recherchen im Internet. Nachfragen in diversen Foren. Letztlich verließ ich mich auf das eigene Fleisch – meine liebe Tochter, die seit 5 Jahren in dieser nordhessischen Metropole lebt und seitdem die Gastronomie von innen studiert hat.

Was soll ich Euch sagen? Die 12. Dokumenta wird sicherlich irgendwo fachkundiger besprochen; sie gefiel mir besser als die 11., aber ich lebe immer noch von den Erlebnissen der 70er und 80er Jahre, als Kunst nicht nur in der Aussage, sondern auch in der Form radikal war. Aber Essen und Trinken? Insgesamt probierten wir sechs verschiedene Lokalitäten aus, darunter die 100 Tage Bar Re:Launch auf dem Schlossberg; mehr Lounge als Bar, ein misslungener Versuch, Cocktails in die Provinz zu bringen, weil alles einfach zu schnell gehen muss, und alles auf Basis von Standardspirituosen  zubereitet wird – aber eine grandiose Aussicht auf die hessische Berglandschaft und auf Kassel.

Es gibt Wasser in der Wüste: das Mistral, ein kleines mediterranes Restaurant am Rande der Innenstadt. Man betritt es und fühlt sich sofort nach Frankreich versetzt. Das Mistral bietet eine täglich wechselnde Tageskarte auf ziemlich gutem Niveau bei klenen Preisen, ca. 15 offene Weine, netten Service (wer gerade kocht und wer die Theke macht, wird auf Schiefertafeln angegegeben), und überraschend kreatives Essen.

Wir (Liebste, liebste Tochter und ich) aßen: Tagliatelle mit Krebsfleisch auf einer Krebsschaumsauce, Zander mit Kartoffelkruste und Mittelmeergemüsen und getrüffelte Wachtel mit Olivensauce und Sommertrüffeln. Alle Gerichte so um € 10, alles super aromatisch und dazu frische Weine. So etwas muss ich in Berlin noch finden.

Zu erwähnen wäre noch, dass ich der Creperie Hendrick’s Gin fand und eine Tresenkraft, die zwar mit dem Begriff „Martini Cocktail“ nichts anfangen konnte, aber diesen meiner Lieblingsgins mit Eis und Gurke servierte, und dass die Ausnahme-Susheria Shinyu (auch so etwas sucht in Berlin seines gleichen) wirklich eine unglaubliche Vielzahl an tollen Sushis anbietet.

Sorry für die Großstadtarroganz.

Mistral
Schönfelder Str. 54
34121 Kassel
0561/9219998

Shinyu
Friedrich-Ebert-Str. 79
34119 Kassel
0561/739 79 13