England


Die Klimakatastrophe hat ja manchmal ihr Gutes. Hier sind zwei Argumente: erstens wird in tropischen Ländern am Einsatz von Klimaanlagen gespart und man entgeht dadurch immer häufiger dem drohenden Kältetod. Zweitens wird plötzlich in Ländern guter Wein produziert, die sich vorher allenfalls durch den Anbau von Braugerste auzeichneten.

Ein solches Land ist England. Was ich in der Recherche fuer diesen Blogeintrag lernen musste ist, dass es schon seit der Ankunft der Römer und kontinuierlich über 2000 Jahre in England Wein gab, die Produktion aber 1911 praktisch eingestellt und erst in den fünfziger Jahren wieder aufgenommen wurde.

Nachdem ich in den letzten Monaten schon mehrmals von der außergewöhnlichen Qualität von englischem Sekt gehört und gelesen hatte, war ich ganz gespannt auf die erste Verkostung.

Ein Freund hatte mir eine Flasche Bloomsbury Merret der Kelterei Ridgeview mitgebracht. Der (weiße) Merret hat mich umgehauen. Kombiniert aus 58% Chardonay, 25% Pinot Noir und 17% Pinot Meunier ist das ein Sekt mit wunderbar feinen Perlen, ohne hervorstechenden Säure mit Aroma von Aprikosen und Birnen. Einfach fein. Champagnerqualität.

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Jeder, dem ich erzählte, dass ich ins Milk&Honey in London gehen würde bekam glänzende Augen. „Eine tolle Bar,“ „perfekte Drinks“, etc. waren nur einige der Worte, die ich auf den Weg mit bekam. Also, nichts wie hin.

Ein Besuch im Milk&Honey ist eine logistische Aufgabe. Kommt man in das New Yorker Stammhaus nur als Mitglied rein (und man wird Mitglied nur auf Grund einer Empfehlung), so öffnet die Bar in London ihre Pforten auch für Normalsterbliche. Aber einfach hingehen funktioniert nicht – man muss, wenn man nicht Mitglied ist, sich voranmelden und hoffen, einen der begehrten Plätze zu ergattern. In meinem Fall waren mehrere Anläufe nötig. Da die Anmeldung durch einen Kenner der europäischen Barszene nicht fruchtete, probierte ich es selbst durch eine Email, und siehe da, Emma schrieb die wunderbaren Worte: „We will be seeing you on Thursday, then.“

Well done. Ich traf mich mit einem Londoner Bekannten, der es bis dato auch noch nicht auf die Gästeliste geschafft hatte. Kein Schild an der schwarzen Tür deutet auf die Bar hin – man muss wissen, wo man sie zu suchen hat. Im Vorraum, ein kleiner Tresen, an dem die Gästeliste abgehakt wird. Dann wird man ins Reich eingelassen.

Man muss dem Designer der im Jahre 2002 eröffneten Bar ein Kompliment machen – die Atmosphäre wirkt wie original dreißiger Jahre. Sehr gedämpftes Licht, spärliche Dekoration, gekachelte Decke, Resopaltische. Alles sehr stimmig. Die Cocktailkarte ist mit 35 Drinks übersichtlich, aber der Ober gibt gleich den Hinweis, dass man natürlich alles andere auch bestellen kann. Ich versuchte es mit einem Rye Sour, der tatsächlich absolut harmonisch und perfekt war. Wir probierten dann noch eine Reihe anderer Drinks, wovon mir der The Business (Gin, Honig, Limettensaft) zu süß geraten war. Die Barkarte wird durch eine gute Auswahl an Weinen und Tapas komplettiert.

Als Gast wird man im Mil&Honey ja üblicherweise um 23 Uhr herauskomplementiert, dann ist nur für Members geöffnet. Wir flohen schon viel früher, denn leider macht auch hier die Akkustik, in der Mischung von Musik und lauten Gesprächen eine Unterhaltung sehr schwierig.

Ich hatte ja noch eine zweite Adresse zu absolvieren. Als ich bei Lubos in Nitra war, hatte ich Eric Lorinc kennengelernt, der mich einludt, bei ihm in der Purple Bar im Sanderson Hotel vorbeizuschauen, auch in Soho und nur fünf Minuten Fußweg vom Milk&Honey entfernt. Das Sanderson Hotel ist ein witziges Designhotel, das vor allem Menschen aus der Multimediabranche anspricht. Ein ekklektischer Mix von Möbeln, verspielt bis zum Extrem. Hier gibt es zwei Bars: die Long Bar, die ihrem Namen gerecht wird und die jeden Abend eine Mischung von jungem und hippen urbanen Publikum anzieht. Dann gibt es aber auc noch die kleine, aber feine Purple Bar, die eigentlich nur für Hotelgäste und Members öffnet. Aber auch hier heißt es: Non-members are advised to make a guest list reservation.

Die Purple Bar ist, wenn man es so bezeichnen kann, ein vollkommener Gegensatz zum Milk&Honey. Wie der Name sagt, dominiert hier die Farbe Lila. Die Musik ist gedämpft, würde das moderne Design dem nicht widersprechen, würde ich sagen, dies ist eine alte englische Hotelbar, wo man sich zur gepflegter Konversation trifft. Der Vergleich hinkt aber, da die Purple Bar dem postmodernen urbanen Geschmack des angehenden 21. Jahrhunderts entspricht.

Der Chefbartender, Eric, ist zusammen mit Stan Vadrna auf Welttour gegangen und hat wie Stan den hohen Qualitätsanspruch mitgebracht. Das Barmenü fokussiert sich auf Martinis, wobei der Begriff Martini hier sehr weit gefasst ist – im Prinzip kann ja eben fast jeder Cocktail als Martini verkauft werden. Entsprechend dem Geschmack des gewünschten Klientels gibt es eine Riesenauswahl an Vodkas, aber auch die Bandbreite anderer Spirituosen, einschließlich meines geliebten Bourbon und Rye Whyskey, lässt sich sehen. Eric mixt mir zuerst einen Drink aus Grapefruitsaft, Limettensaft, Gin, und noch ein bis zwei anderen Zutaten (Apricot Brandy? Bitters?), der gut geraten war. Dann, zum Abschlus, noch einen Old Ripp Van Rinkle Bourbon 10ys, der duch seinen leicht torfigen Geschmack überzeugt – fast schon ein Malt. Überhaupt, auch hier, wie im Milk&Honey überzeugt die Qualität aller Drinks. Mit Stan, Lubos und Eric hat das kleine Land Slowakei der Welt jetzt schon drei große Talente hinter dem Tresen geschenkt.

Um 24h30, zurück in meinem Stadtteil near Earl’s Court war ich dann doch überrascht, dass man nicht überall in London um diese Zeit noch ein Absackerbier bekommt.

Milk and Honey
Poland Street Soho
London, W1F
Tel. +44 (0) 7000 655 469

Purple Bar
im SANDERSON HOTEL
50 Berners Street
London
Tel. +44 (0) 20 7300 1496
6pm-3am Monday through Saturday
6pm-12am Sunday
Members and Residents only.
Non-members are advised to make
a guest list reservation.
England W1T 3NG

Während sich die Creme de la Creme der europäischen Barszene in Berlin zur ersten Barconvention trifft, bin ich in London untergetaucht. Man muss ja Prioritäten setzen. Kleiner Trip durch Marylebone; ein Stadtteil, den ich noch nicht kannte (nahe Baker Street): auch wenn Berlin ja viel zu bieten hat, werde ich ob der Qualität und Attraktivität der Angebote Londons immer schier verrückt; ich möchte gleich in jeden Pub zum Biertrinken, in jeden zweiten Laden rein zum Lebensmittel kaufen, und in jedem dritten Restaurant essen. Die Auswahl ist dann meist zufällig, und so entschieden sich mein Begleiter und ich uns für Ping Pong, das mit einer Auszeichnung für „emerging concepts“ (ungefähr: aufkommende Konzepte) wirbt.

Ping Pong ist ein Dim Sum Restaurant. Man bekommt eine Speisekarte, eine Checklist und einen Bleistift. Was einem auf der Speisekarte gefällt, kreuzt man auf der Liste an. Eine Portion besteht jeweils aus drei Stücken, was das Teilen zu zweit etwas schwierig macht. Die Speisekarte ist in Gedämpftes, Gebratenes, Gebackenes aufgeteilt. Alles kommt schnell und frisch auf den Tisch. Wir hatten 9 oder 10 verschiedene Portionen, z.B. Roast Pork Puff, oder Spicy Chicken, und viel mehr.  Und dann die Chili-Saucen, die dazu gereicht werden…

Alles ríchtig lecker, und ich hoffe auf die Entdeckung des modernen Dim Sums in Europa (in Schöneberg gibt es schon ein Dim Sum Restaurant, das ich unbedingt ausprobieren muss).

Dazu eine Flasche Waterstone Bridge Reserve Semillion Chardonnay aus Australian, der wie Arsch auf Eimer zum Essen passte.

Das Ganze dann für 46 Pfunde, richtig preiswert für London.

Ach ja: es gibt sieben Filialen des Ping Pong. Ein Kettenrestaurant der besseren Art. Es gibt auch Cocktails, aber die haben wir nicht probiert, auch wenn uns „The Emperor’s Elixir“ sehr gereizt hat.

Ping Pong
Marylebone

10 Paddington Street
London

W1U 5QL
tel: 0207 009 9600

andere Filialen in London