Drinks


Wie bereits mehrfach in diesem Blog berichtet, gab es in 2007 kaum einen Monat (eine Woche), in dem nicht ein neuer Gin lanciert wurde. Wir sahen in 2006 den hervorragenden und ausführlich gewürdigten Blue Gin von Reisetbauer, der jetzt in der zweiten Vintage-Ausgabe erschienen ist. Dann 2007 G-Vine aus Frankreich, gar nicht zu reden vom  Old Tom Gin Revival.

Jetzt gibt es auch einen konkurrenzfähigen deutschen Gin: Adler Berlin Dry Gin der Preußischen Spirituosen Manufaktur. Einen Wacholder-Aficionado wie mich freut die Besinnung auf die Ureigenschaften dieser Spirituose. Neben den deutlichen Wacholder-Noten gibt es Koriander, Ingwer, Lavendel und Zitronenschale. Alles sehr ausgewogen und hervorragend für einen Dry Martini geeignet (am besten mit Zitronenzeste). Die Destillate werden sorgfältig verarbeitet und der Gin wird dann noch einige Monate in Steingutgefäßen gelagert, damit er sein Aroma entfalten kann. Sehr, sehr lecker…

Die Krönung des mit ca. 30 Euro nicht gerade preiswert veranschlagten Wässerchen  ist die Abfüllung in eine Apothekerflasche mit Glasstopfen.

Ach ja, das Etikett: Darüber ist soviel diskutiert worden, dass ich mich jeglicher Stimme enthalte. Irgendwie gewöhne ich mich langsam daran…

 Foto: Preußische Spirituosen Manufaktur GbR

Da las ich doch heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem ansonst hervorragenden Feuilletonartikel („Das Grauen vom Lande: Nicht die Provinz ist böse; es ist der Provinzialismus….Warum wir uns vor Kurt Beck fürchten müssen„), dass Berlin nicht die Metropole ist. Lieber Claudius Seidl, solche Klassifizierungen treffen tief ins Mark meiner Berliner Identität, und ich empfehle Ihnen einen Besuch in der neuen Bar Tausend am Schiffbauerdamm (wenn Sie der Türsteher denn reinlässt).

Gestern abend war ich da, mit den Herren Adam und Heuser von Mixology. Es war, wie zu erwarten, ein feuchter aber vor allem fröhlicher Abend, an dessen Anfang wir noch die angenehme Gesellschaft des Bartenders Mario Grünenfelder genießen konnen, der gerade zum Mixologen des Jahres 2007 gewählt wurde (odr?). Die Freude über Marios Anwesenheit wärte leider nicht lange, da die Bar ab ca. 23 Uhr wie eine Sardinendose gepackt war und er nur von Zeit zu Zeit mit frisch gefüllten Gläsern vorbeischauen konnte.

Die Bar Tausend hat alles was sie dazu prädestiniert, zur angesagten Hauptstadtlocation zu werden, von der man in New York oder São Paulo oder Tokyo redet (bye, bye, 90 Grad…). Gelegen im Epizentrum der Hauptstadt, findet man sie nur, wenn man weiß, wo man suchen soll. Kein Licht, kein Kneipenschild, keine Klingel an der Eisentür unter der Bahnlinie Paris-Moskau. Ein Türsteher, der aber zu früher Stunde Milde walten lässt (wie lange noch?). Klassisches 80er Jahre Clubdesign mit viel Metall und Glas. Super gute Livemusik. Publikum, dass sich gerne sieht und sich sehen lässt. Viel Champagner und Vodka (Green Mark). Also ein Luxus-Hedonisten-schöne Menschen-Schuppen – aber zum Glück auch für Normalos genießbar.

Die Aufgabe von Mario, in einem Laden, der gut und gerne 200 Menschen fasst, hohe Qualität bei den Drinks zu halten, ist eine hohe Herausforderung und ich hoffe, dass er nicht daran verzweifeln wird. Die Drinks sind momentan klasse, wie zu erwarten, ob der Manhattan, der hier mit Rittenhouse Rye und Carapano Antica Formula perfektioniert wird, oder der von uns allen geliebte Beuser & Angus Special (oder so ähnlich), ein Sour auf Chartreuse Grün Basis.

Zu erwähnen ansonsten noch die kleine Karte mit Häppchen (Austern, Dim Sum), die von dem grandiosen Küchenchef Gordon W. serviert werden. Gordon W. ist eine eindrucksvolle kanadische Erscheinung, mit bewegter Geschichte und eigenem Wikipediaeintrag und und alleine schon ein Besuch im Tausend wert. Ich sage es doch: Berlin ist die Metropole.

Vielleicht gibt es hier bald noch ein paar Fotos, solange bei http://www.philipp-m-wittulsky.de/ reinschauen.

Tausend 
Schiffbauerdamm 11
1000 Berlin-Mitte
Tel. 41 71 53 96
Öffnungszeiten: Mi.-Sbd. ab 20 Uhr

Berlin: Am 17. Oktober wurden auf dem erstmals veranstalteten Branchentreff der Barindustrie, dem Bar Convent Berlin, die Mixology Bar Awards 2007 verliehen. Mit diesen Awards zeichnet die Fachzeitschrift Mixology, Magazin für Barkultur, herausragende Leistungen des Bargewerbes aus. Verliehen wurden die Awards in insgesamt 6 Kategorien.

Den Auftakt machte ein „Award für besondere Leistungen“, der von der Jury – prominent besetzt mit Stefan Gabanyi (Schumanns Bar, München), Gregor Scholl (Rumtrader, Berlin), Markus Blattner (Widderbar, Zürich), Marco Pani (Bar Italia, Wien), Ingo Strobel (Motorberlin.com) und Gregor Scholz (Scholz Bar, Stuttgart) – einstimmig der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zugesprochen wurde, da sie sich im Rahmen des Klimaschutzes besonders um die Qualität des Eises verdient gemacht habe. „Das Eis ist schließlich des Barmanns Gold!“ so die Begründung von Jury-Vorsitz Gregor Scholl.

 

Das „Bardesign des Jahres 2007″, gestiftet von Bombay Sapphire, gewann die Bar des Berliner Q! Hotels für ihr von der bekannten Architekturschmiede Graft gestaltetes Interieur. Ein weiterer Award ging ebenfalls nach Berlin. In der Kategorie „Mixologe des Jahres 2007″ wurde der gebürtige Schweizer Mario Grünenfelder (Bar Tausend) für seine Kreativität ausgezeichnet. Mit Markus Heinze von der Dresdner Sonderbar zeichnete die Jury einen zweiten Bartender aus. Er gewann den Award „Newcomer des Jahres 2007″. Beide Awards wurden vom neuen Premium-Tequila Sierra Milenario präsentiert.

Der mit Spannung erwartete Award für die „Spirituose des Jahres 2007″, gestiftet vom Bardienstleister APS Barsupply, ging an den Kultlikör Green Chartreuse. „In Chartreuse kommt das Wesen der Destillation in seiner ganzen Tiefe zum Ausdruck. Dies ist mit ein Grund, warum dieses Traditionsprodukt auch die junge Generation von Bartendern von Neuem inspiriert. Es ist schlicht Transzendenz in Flaschen!“ begründete Stefan Gabanyi die einstimmige Entscheidung der Jury.

Standing Ovations bekam für die Verleihung des „Awards für das Lebenswerk“ schließlich der bekannte Bartender und Buchautor Franz Brandl. Dieser Award wurde von der russischen Vodkamarke Green Mark präsentiert.

Der Bar Convent Berlin war mit 1068 Besuchern an zwei Veranstaltungstagen in seinem ersten Jahr ein voller Erfolg. Jens Hasenbein, Herausgeber des veranstaltenden Mediums Mixology, freut sich aus diesem Anlass auch schon auf das nächste Jahr: „Unsere Leser und unsere Partner aus der Industrie, die durch ihren Enthusiasmus zur großartigen Stimmung des BCB beitrugen, haben offensichtlich schon seit mehreren Jahren auf eine solche Veranstaltung gewartet. Wir freuen uns, dass wir unserer Branche jetzt auch diese Plattform zur Verfügung stellen konnten. Wir werden den Termin für das Jahr 2008 demnächst bekannt geben und wollen uns im nächsten Jahr natürlich auch noch steigern.“

Foto: Birte Filmer, 103prozent

Jeder, dem ich erzählte, dass ich ins Milk&Honey in London gehen würde bekam glänzende Augen. „Eine tolle Bar,“ „perfekte Drinks“, etc. waren nur einige der Worte, die ich auf den Weg mit bekam. Also, nichts wie hin.

Ein Besuch im Milk&Honey ist eine logistische Aufgabe. Kommt man in das New Yorker Stammhaus nur als Mitglied rein (und man wird Mitglied nur auf Grund einer Empfehlung), so öffnet die Bar in London ihre Pforten auch für Normalsterbliche. Aber einfach hingehen funktioniert nicht – man muss, wenn man nicht Mitglied ist, sich voranmelden und hoffen, einen der begehrten Plätze zu ergattern. In meinem Fall waren mehrere Anläufe nötig. Da die Anmeldung durch einen Kenner der europäischen Barszene nicht fruchtete, probierte ich es selbst durch eine Email, und siehe da, Emma schrieb die wunderbaren Worte: „We will be seeing you on Thursday, then.“

Well done. Ich traf mich mit einem Londoner Bekannten, der es bis dato auch noch nicht auf die Gästeliste geschafft hatte. Kein Schild an der schwarzen Tür deutet auf die Bar hin – man muss wissen, wo man sie zu suchen hat. Im Vorraum, ein kleiner Tresen, an dem die Gästeliste abgehakt wird. Dann wird man ins Reich eingelassen.

Man muss dem Designer der im Jahre 2002 eröffneten Bar ein Kompliment machen – die Atmosphäre wirkt wie original dreißiger Jahre. Sehr gedämpftes Licht, spärliche Dekoration, gekachelte Decke, Resopaltische. Alles sehr stimmig. Die Cocktailkarte ist mit 35 Drinks übersichtlich, aber der Ober gibt gleich den Hinweis, dass man natürlich alles andere auch bestellen kann. Ich versuchte es mit einem Rye Sour, der tatsächlich absolut harmonisch und perfekt war. Wir probierten dann noch eine Reihe anderer Drinks, wovon mir der The Business (Gin, Honig, Limettensaft) zu süß geraten war. Die Barkarte wird durch eine gute Auswahl an Weinen und Tapas komplettiert.

Als Gast wird man im Mil&Honey ja üblicherweise um 23 Uhr herauskomplementiert, dann ist nur für Members geöffnet. Wir flohen schon viel früher, denn leider macht auch hier die Akkustik, in der Mischung von Musik und lauten Gesprächen eine Unterhaltung sehr schwierig.

Ich hatte ja noch eine zweite Adresse zu absolvieren. Als ich bei Lubos in Nitra war, hatte ich Eric Lorinc kennengelernt, der mich einludt, bei ihm in der Purple Bar im Sanderson Hotel vorbeizuschauen, auch in Soho und nur fünf Minuten Fußweg vom Milk&Honey entfernt. Das Sanderson Hotel ist ein witziges Designhotel, das vor allem Menschen aus der Multimediabranche anspricht. Ein ekklektischer Mix von Möbeln, verspielt bis zum Extrem. Hier gibt es zwei Bars: die Long Bar, die ihrem Namen gerecht wird und die jeden Abend eine Mischung von jungem und hippen urbanen Publikum anzieht. Dann gibt es aber auc noch die kleine, aber feine Purple Bar, die eigentlich nur für Hotelgäste und Members öffnet. Aber auch hier heißt es: Non-members are advised to make a guest list reservation.

Die Purple Bar ist, wenn man es so bezeichnen kann, ein vollkommener Gegensatz zum Milk&Honey. Wie der Name sagt, dominiert hier die Farbe Lila. Die Musik ist gedämpft, würde das moderne Design dem nicht widersprechen, würde ich sagen, dies ist eine alte englische Hotelbar, wo man sich zur gepflegter Konversation trifft. Der Vergleich hinkt aber, da die Purple Bar dem postmodernen urbanen Geschmack des angehenden 21. Jahrhunderts entspricht.

Der Chefbartender, Eric, ist zusammen mit Stan Vadrna auf Welttour gegangen und hat wie Stan den hohen Qualitätsanspruch mitgebracht. Das Barmenü fokussiert sich auf Martinis, wobei der Begriff Martini hier sehr weit gefasst ist – im Prinzip kann ja eben fast jeder Cocktail als Martini verkauft werden. Entsprechend dem Geschmack des gewünschten Klientels gibt es eine Riesenauswahl an Vodkas, aber auch die Bandbreite anderer Spirituosen, einschließlich meines geliebten Bourbon und Rye Whyskey, lässt sich sehen. Eric mixt mir zuerst einen Drink aus Grapefruitsaft, Limettensaft, Gin, und noch ein bis zwei anderen Zutaten (Apricot Brandy? Bitters?), der gut geraten war. Dann, zum Abschlus, noch einen Old Ripp Van Rinkle Bourbon 10ys, der duch seinen leicht torfigen Geschmack überzeugt – fast schon ein Malt. Überhaupt, auch hier, wie im Milk&Honey überzeugt die Qualität aller Drinks. Mit Stan, Lubos und Eric hat das kleine Land Slowakei der Welt jetzt schon drei große Talente hinter dem Tresen geschenkt.

Um 24h30, zurück in meinem Stadtteil near Earl’s Court war ich dann doch überrascht, dass man nicht überall in London um diese Zeit noch ein Absackerbier bekommt.

Milk and Honey
Poland Street Soho
London, W1F
Tel. +44 (0) 7000 655 469

Purple Bar
im SANDERSON HOTEL
50 Berners Street
London
Tel. +44 (0) 20 7300 1496
6pm-3am Monday through Saturday
6pm-12am Sunday
Members and Residents only.
Non-members are advised to make
a guest list reservation.
England W1T 3NG

Den Auftakt des Communitytreffens von Cocktaildreams am vergangenen Samstag in Hattersheim bildete das Bourbontasting. Neun Sorten des amerikanischen Whiskeys standen dabei zur Auswahl. Getestet wurden die Brände in drei Dreierblocks. Dabei wurden Notizen erstellt und Punkte von 1-10 vergeben – 1 für Fusel, 10 für Edelgetränk. Wir möchten hierbei noch betonen, dass keiner der 16 Tasting-Teilnehmer sich auf Bourbon spezialisiert hat. Die Zahlen und Bewertungen entstanden daher von Laien und können durchaus von anderen Whiskey-Tastings abweichen. Das ist auch der Grund, warum dieses Jahr der Bourbon auserwählt wurde. Im Hobbybereich wird dieser Spirituose kaum Beachtung gezeigt, obwohl er bei Bartendern wegen seiner Mixability sehr beliebt ist. Um die Vielfalt und die Unterschiede genauer kennen zu lernen, fiel die Wahl auf den Kornbrand aus den Staaten. Die Bewertung fiel folgendermaßen aus:

Die überall erhältlichen Sorten Four Roses, Jim Beam White Label sowie Jim Beam Black Label bildeten das Schlussfeld des Blindtastings. Alle diese Brände haben kaum spürbares Aroma, sind alkoholisch scharf und besitzen einen kaum spürbaren Abgang. Ein Drink der vom Aroma eines Whiskeys abhängig ist, wie zum Beispiel ein Old Fashioned, wird mit einem dieser Whiskeys hemmungslos untergehen. Die Teilnehmer waren sich einig, dass es keinen Sinn macht, sich einen dieser Bourbons zuzulegen.

Auch die Produkte aus dem Hause Wild Turkey wurden nicht sehr hoch bewertet. Die achtjährigeVersion Wild Turkey Rare Breed ist zwar ein reifer, runder Whiskey, unterscheidet sich von seinen acht Konkurrenten aber durch einen sehr starken torfig-erdingen Geschmack wie man ihn eher bei einem Scotch erwarten könnte. Vielleicht ein Grund, weshalb das teurere Produkt einen hinteren Platz eingenommen hat. Der normale Wild Turkey schnitt ein wenig besser ab. Die Aromen und Geschmäcker waren insgesamt runder und harmonierten somit besser miteinander. Diese beiden Brände haben einen leichten Abgang mit Eichenaroma. Hier gab es die Minoritätsmeinung des ehrwürdigen Drymartini-Bloggers – immerhin der älteste der Verkoster, für den der Wild Turkey Rare Breed mit seinem auch an Calvados erinnernden Aroma an der Spitze der Auswahl lag.

Gleichauf und im oberen Feld befinden sich Makers Mark sowie Woodford Reserve. Zwei solide Mixbourbons, die ihren Preis wert sind. Geruch von Toffee und Caramel, gut balancierte Holznoten und kein Brennen im Abgang machen diese Whiskeys eine Anschaffung wert.

Der teuerste Bourbon und der von den meisten Teilnehmern als Favoriten auserwählte war Blanton Cask Strange (Edition Süddeutsche Zeitung). Leicht süß mit Honig- und Caramelaromen setzte sich die Sonderauflage durch. Sehr mundfüllend im Geschmack aber dennoch erstaunlich sanft, kann dieser teure Bourbon auf ganzer Linie überzeugen. Ein absolute Kaufempfehlung für den puren Genuss.

Sieger, nach glatten sieben von zehn Punkten, ist allerdings der 12-jährige I.W. Harper. Wie der Blanton ist auch er sehr zart, gut balanciert mit Spuren von Vanille und Caramel. Das machte Ihn schlussendlich zum Mix- und Trinkbourbon des Cocktailforums und konnte in einem vom Drymartini gemixten Whsykey Sour absolut überzeugen.

Bleibt zu bemerken, dass die Auswahl der verkosteten Whiskeys nur einen Auftakt bildet. Wer mehr erfahren will, kann zum Beispiel in der Switch-Bar in Hattersheim oder im Paolos Frankfurt weitaus exotischere und in Deutschland selten ausgeschenkte Bourbons und Ryes probieren, z.B. den wunderbaren Eagle Rare. Kürzlich von Drymartini mit viel Spaß verkostet: Booker’s Bourbon mit 62 Vol%.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit von Cocktailwelt (Federführung ) und Drymartini (Mitarbeit & Erweiterung).

Punkte:
4,06 – Four Roses
4,13 – Jim Beam White Label
4,38 Wild Turkey Rare Bread
4,94 – Jim Beam Black Lable
4,94 – Wild Turkey 8
5,88 – Makers Mark
5,88 – Woodford Reserve
6,50 – Blantons (SZ-Edition)
7,00 – I.W. Harper 12

Seit ich blogge, bin ich zum leidenschaftlichen Perlensucher geworden. Perlen in der Provinz. Wenn Sie Wuhan oder Nitra nicht kannten, wird es Ihnen vielleicht genauso mit Hattersheim gehen, außer Sie kommen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Um die Relationen zurechtzurücken: Wuhan hat 9 Millionen Einwohner, Nitra 100.000 und Hattersheim hat 25.000. Um es etwas genauer zu beschreiben: Hattersheim ist nicht der Ort, in dem die meisten Bankmanager aus dem nahegelegenen Frankfurt wohnen; es ist eher eine Schlafstadt für die umliegende Industrie, z.B. dem benachbarten Höchst. Würden Sie dort eine Top-Bar erwarten? Sehen Sie – ich auch nicht; aber so langsam lerne ich, meine Großstadtarroganz abzulegen.

Karsten Kuske hat nach Abschluss seiner Lehr- und Wanderjahre eine Bar mit dem Namen „Switch – Die bewegte Bar“ eröffnet. Der Fantasie sind bei diesem Namen keine Grenzen gesetzt: es handelt sich tatsächlich um eine professionelle und hochqualitative Cocktailbar. Mit dem Namen verhält es sich so:

„Switch“ bedeutet wechseln, das bezieht sich auf das ständig wechselnde Zusatzangebot an Cocktails, Spirituosen, Weinen und Snacks. Unser Motto lautet „Gastronomie in Bewegung“ und daher kommt der Beiname „Die bewegte Bar“.

Kuske hat im Laufe seiner Jahre hunderte Spirituosen angesammelt, darunter viele Rums, American and Scottish Whysk(e)ys und noch mehr. Daraus macht er eine Vielzahl von guten Drinks, angefangen von den Klassikern in allen Variationen, Tiki und Fancy Drinks, Coladas. Zusätzlich bietet sich natürlich ein Ritt durch die Spirituosenabteilung an. Mich als eingfleischten Boubon-Trinker hat die große Auswahl gefreut, und die Tatsache, dass Karsten neben vielen anderen Blue Gin im Programm hat.

Die Switch-Bar hat von Mittwoch bis Samstag von 19h00 bis 2h00 geöffnet. Sie ist nur ein Jahr nach ihrer Eröffnung zur Nr. 1 der Bars im Rhein-Main-Gebiet (außer Frankfurt) gewählt worden.

Übrigens: Mit der S1 ist man in 15 Minuten vom Frankfurter Hauptbahnhof in Hattersheim. Noch 5 Minuten Fußweg, und Sie können bei Karsten Kuske gepflegt in der Provinz trinken.

Switch – Die bewegte Bar
Am Kirchgarten 11
65795 Hattersheim am Main
Tel.: 0 61 90 . 92 70 25

Ein Trend, der in Asien und den USA schon lange in ist, setzt sich jetzt langsam auch in Deutschland durch: die Kombination von Bar und Restaurant, in voneinander abgegrenzten Räumen. Mir kommt das sehr gelegen, da ich aus dem Alter heraus bin, in dem ich von Kneipentür zu Kneipentür ziehen muss. Allerdings entfällt dadurch auch der Verdauungs- und Ernüchterungsspaziergang, so dass man bei der Zusichnahme von Speis und Drank doppelt aufmerksam sein muss.

„Wohin in Frankfurt“, ging meine Frage an den Experten für gehobene Barkultur? Trocken die kurze Antwort per E-Mail: „Frankfurt? Na klar! Steffen Lohr im Biancalani.“

Da ich mich ohnehin mit ausländischen Freunden auf ein gutes Dinner treffen wollte, passte dieser Tipp, nach kurzem Check auf der Webseite des Biancalani, perfekt. Einem runden Abend sollte nichts im Weg stehen.

Das Biancalani liegt auf der Sachsenhäuser Uferseite von Frankfurt nahe der Flößerbrücke, wo in den letzten Jahren ein kleines urbanes Subzentrum im modernen Mailänder Stil entstanden ist. Das Ensemble besteht aus einem Restaurant, einer Enoteca und der Cocktailbar mit Lounge.

Wir entschieden uns für das Sandwichverfahren: Drink – Essen – Drink. Ich kam etwas früher, um mit dem Keeper ins Gespräch zu kommen. „Sind Sie Steffen Lohr?“ – „Nee – der ist schon seit ein paar Wochen nicht mehr hier, mixt jetzt im ‚Ich Weiß,‘ einer neuen Bar. Ich bin sein Schüler und habe das jetzt hier übernommen.“ Ein Blick in die Karte lässt daran erinnern, dass hier auch schon Bastian Heuser von den Travelling Mixologists gewirkt hat. Kreativität pur. Ich entschied mich für den ‚Cilantro-Chili-Gimlet‘, einer Mischung aus Koriandersamen, frischem roten Chili, Gin, Rose’s Lime Juice und frischem Limettensaft. Eine Superkombination, die Leuten gefallen wird, die sowohl Gimlet als auch Chili mögen. Leider wurde der Drink nicht wie in der Karte angekündigt, in eine Martinischale abgeseiht, sondern (wie später auch der Sazerac) in einem Tumbler auf Eis serviert, was den Drink nach 5 Minuten verwässerte. Das Glas Wasser musste nachgefragt werden. Der Barkeeper fragt nicht nach der Wunschspirituose im Gimlet. Also, ein bisschen Üben (und vielleicht auch noch Unterstützung von den alten Helden) bringt die neue Crew sicher schnell auf den Stand, den das Biancalani bestimmt halten möchte.

Aber jetzt ins Restaurant – die Speisekarte hatte mich schon neugierig gemacht; sie verspricht moderne italienische Küche ohne modischen Schnickschnack zu akzeptablen Preisen – wenn die Qualität stimmt. Um es kurz zu sagen: Die Qualität stimmt auf den Punkt. Alles ist ganz fein, der Geschmack der jeweils wenigen Zutaten ist hervorragend herausgearbeitet.

Ich begann mit dem warmen Salat vom Octopus und Steinpilzen mit Croutons, Minze und Petersilie (€ 13,50): Der Oktopus butterweich und die Vinaigrette geradezu perfekt. Alles harmoniert. Dann als Zwischengang Entenstopfleber und Boudin-Blutwurst im Strudelteig auf Balsamico-Linsen mit Apfel (€ 13): auch hier das gleiche Gefühl: passt schon, wie der Wiener sagen würde. Schließlich noch die Dorade auf kleinen Artichoken mit Oliven (€ 22,70): Lecker, aber nicht so aufregend wie der Kabeljau mit Kalbszunge auf Wirsing und Kartoffelpüree und grobem Senf, den ich probieren durfte.

Mit den Weinen haben wir uns nicht sehr ausführlich beschäftigt, da wir noch von unseren Cocktails genug hatten. Der offene Soave war jedenfalls sehr ordentlich.

Von meiner Beschreibung möchte man meinen, dass dies ein perfektes Restauranterlebnis war. Leider weit gefehlt. Denn so gut das Essen, so qualvoll war es für uns, da die Raumakkustik in dem 70-Plätzerestaurant für einen solchen Lärm sorgt (ich schätze, um die 70-80dB), der nicht nur die Kommunikation gestört, sondern nach spätestens einer Stunde auch zu einem ansteigenden Rauschen im Kopf geführt hat. Schade!

Biancalani
Restaurant, Enoteca und Bar
Walter-von-Cronberg Platz 7-9
Frankfurt am Main
069-689776.15/.25/.20

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