China


Kennen Sie Wuhan? Nie gehört? Die Stadt gehört zu den fünfzig größten der Welt (Population 5-9 Millionen, je nach Zählweise – „Provinz“ ist eher metaphorisch gemeint), ist ein Technologiezentrum in Süd-Mittel-China und wird durch den Jangtse geteilt. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, dort sechs Tage zu weilen. Wenn mir langweilig wurde (und das passierte ziemlich oft), ging ich in das Blue Sky Cafe. Das Blue Sky ist einer der Treffpunkte von Langnasen, aber 60% der Gäste sind Chinesen. Ein bisschen Typ amerikanische Sportsbar, ein bisschen heruntergekommen, kann man hier aber ganz formlos und angenehm trinken, essen und tanzen (viel gute Lationmusik). Essen ist typisch europäisch-amerikanisch (Pizza, Burger, etc.); zur Zeit meines Besuchs gab es die marokkanische Woche mit leckerer Tagine.

Vom gepflegten Trinken soll die Rede sein. Meine Augen konnten nicht größer sein, als ich das Cocktailmenü und parallel dazu die Spirituosenauswahl zu sehen bekam. Ca. 50 Cocktails, vor allem Klassiker gibt es hier. Aber würden sie unter der kritischen Zunge des Drymartini-Testers bestehen? Sie bestanden. Alle Cocktails, die ich im Laufe meiner Besuche testete, z.B. Martini, Manhattan, Daiquiri waren handwerklich gut gemacht.

Hier wirkt Carson. Carson spricht praktisch kein Englisch, so war ich auf die Hilfe der Kellner und Kellnerinnen angewiesen, die auch nicht gerade flüssig waren. Carson hat on-the-job gelernt, und es gab wohl irgendwann mal einen Ausländer, der ihn in die Kunst der Mixologie eingeführt hat. Carson hat Produktkenntnisse und seine Handwerksfähigkeiten konstant entwickelt.

Die Rede ist von der Blue Sky Filiale in Hankou. Die Filiale in Wuchang habe ich nicht ausprobiert.

Blue Sky(蓝色天空咖啡)
Hankou Jianshe Dadao #735 (汉口建设大道735号)
(027) 85807466/85759937 
geöffnet: 11.00-2.00

Foto: Joerg1975 auf Flickr

Die oben zitierte Anregung fand ich auf einer Flasche 1998 Dynasty Dry Red. Was für ein wunderbares Kontrastprogramm zu US-amerikanischen Alkoholwarnungen.

Mit chinesischen Weinen stehe ich seit jeher auf Kriegsfuß. China ist ja mittlerweile der sechstgrößte Weinproduzent und auch schon siebtgrößter Weinkonsumenten der Welt (die Zahlen des World Wine Institutes gehen leider nur bis 2001, bei den entsprechenden Wachstumszahlen hat China vermutlich schon einige Plätze gut gemacht). Man kann es nicht aufhalten – das Land der Mitte schiebt sich kontinuierlich in allen Bereichen nach vorne. Bisher hatte ich aber nur selten einen chinesischen Wein entdeckt, der nur im Ansatz meine Gnade fand – vor allem, da in China die Preise für heimische Gewächse denen von Importweinen nicht nachstehen. Aber, man soll ja nicht aufgeben.

Also, auf in der Supermarkt in Wuhan. Aber wie wählt man aus? Beratung ist nicht – es spricht ja keine Verkäuferin Englisch (wäre spannend zu wissen, ob sie etwas von Wein verstehen). Eine Auswahl von ca. 40 Rot- und 10 Weißweinen. Viele alte Jahrgänge, vor allem von The Great Wall of China. Also, erst einmal zwei: einen preiswerten und einen mittelpreisigen.

2001 Moutai Cru Bourgeois (!) für ca. € 3 war in 30 Sekunden erledigt. Einen so stechenden Korkgeruch, dazu noch so starke Azetontöne findet man selten. Schnell in den Ausguss.

Schon anders der bereits erwähnte Dynasty Dry Red Wine 1998 (€ 9). Gerade so am Kippen, aber durchaus noch trinkbar. Geruch undefinierbar, Geschmack undefinierbar, keine Beeren, kein Holz, keine Vanille, vielleicht am ehesten noch Lakritz (vielleicht ein gaaanz kleiner Korkschmecker, und ein klitzekleines bisschen Azeton). Nicht wirklich so gut, dass man nicht auf einen der Importweine zurückgreifen sollte, die es in allen Kaufhäusern gibt. Aber auch nicht so, dass man die Flasche auskippen muss. Und er ist ja gesund.

Ein letzter Versuch. Vielleicht lag es ja im Supermarkt – in Deutschland kaufe ich auch auch nicht dort. Das Restaurant meines Hotels scheint die Flaschen vernünftig zu lagern. Zum chinesischen Abendessen (scharfes Rindfleisch mit vielen grünen Chilischoten, gebratener Tofu mit Frühlingszwiebeln) bestelle ich Changyu Cabernet Sauvignon des Jahrgangs 1996. Das Weingut besteht seit 1892. Bei Wein-Plus findet man folgende Information:

Der Regierungsbeamte Zhang Bishi führte aus Europa 120 Vinifera-Sorten ein, kaufte 67 Hektar Land in Yantai auf der Halbinsel Shandong und gründete die Kellerei Changyu (Zhang Yu = Wohlstand). Als Kellermeister wurde der österreichische Konsul Baron Max von Babo eingesetzt, der Fässer und Pressen aus Österreich einführte und die Kellerei zu internationalem Ansehen brachte. Das war die Geburtsstunde des heutigen Wein-Unternehmens mit dem vollen Namen „Yantai Changyu Pioneer Wine Company Limited”. Ursprünglich war dies ein reiner Staatsbetrieb, in der Zwischenzeit hält der Staat noch 51% der Aktien. Die Weingärten umfassen knapp 4.700 Hektar Rebfläche.

Ja, diesen Wein kann man trinken. Typischer Cabernet-Geschmack, Lakritz und Leder, kein absoluter Premium-Wein, aber besser als vieles, was man im heimischen Supermarktregal findet. Im Restaurant kostet er € 24, ich vermute, dass der Ladenpreis bei ca. € 10-15 liegt.

Eine gute Zusammenfassung der chinesischen Weinindustrie findet man in der Beijing Rundschau.

Wer in China einmal in einer größeren Gruppe in einem lokalen Restaurant gegessen hat – egal in welchem Teil des Landes – findet keine Freude mehr an chinesischem Essen in Deutschland. Wegen der großen Vielfalt der Speisen, größer als in jedem anderen Land der Erde, habe ich normalerweise auch selten den Wunsch, etwas anderes als klassische chinesische Küche zu genießen. Aber wenn man sich länger in Beijing (Peking) aufhält, kann das schon einmal passieren.

Kulinarisch ist diese 20 Millionenstadt kosmopolitisch. Man kann alles essen, was es auch in jeder europäischen oder nordamerikanischen Großstadt gibt, und zusätzlich natürlich das große Angebot an Speisen aus den chinesischen Provinzen. Es gibt hier keine Ausrede dafür, schlecht zu essen oder etwa zu Kentucky Fried Chicken zu gehen (die Chinesen lieben KFC, es gibt eine Filiale an fast jeder Ecke).

Während meines kurzen Aufenthaltes in Beijing besuchte ich vier Restaurants. Von dreien (alle im Stadtteil Chaoyang) soll hier die Rede sein. Eigentlich gehe ich in China – wie in Italien – selten in die Restaurants der gehobenen Preisklasse. Der Standard von „gewöhnlichen“ Restaurants ist in beiden Ländern gewöhnlich so hoch, dass es kaum Sinn macht, viel Geld für gutes Essen auszugeben. Aber auf das Green-T-House in Beijing war ich wirklich gespannt – es gilt als das angesagte Restaurant der Stadt (wenn es nach der Oktoberausgabe des FEINSCHMECKERs geht).

Wer in Berlin das Shiro i Shiro liebt, findet hier – zumindest was das Design betrifft – noch eine Steigerungsstufe, aber auch viele verwandte Stilelemente. Zum Beispiel die weißen Lacktische, die es in beiden Restaurants gibt. Der zentrale Raum des Green-T-House ist von einer zusammenhängende Tischreihe dominiert; man sitzt also auf Tuchfühlung mit dem Nachbarn. An der Seite gibt es noch gemütliche Kuschelecken mit weißen Polstern, wo man im Liegen oder Sitzen oder Hocken trinken und essen kann. Und dann eben noch einzelne weiße Lacktische. Die Kerzen hängen an dünnen Fäden von der Decke herab. In der Nähe der Bar steht ein monumentaler Wachskoloss, in dem zehn Flammen brennen. Uns hat alle das Waschbecken in der Toilette fasziniert – ein Touchsensor löst einen kleinen Wasserfall über einen Breite von zwei Metern aus. Interessantes Spiel mit Beton und verschiedenen Hölzern. Das Design hört nicht bei der Einrichtung auf, sondern wird konsequent auf das Essen angewendet.

Aber das Essen und der Service: Wieder einmal hat sich die alte Regel bestätigt – gehe nie mit Bekannten in ein Lokal, dass Du selbst noch nicht ausprobiert hast (vor allem, wenn am Ende alle die Rechnung teilen). Leider hinkt das Geschmackserlebnis dem Design hinterher. Das Essen ist gut, aber dann doch eher gut präsentiert – auf jeden Fall nicht die Preiskategorie wert. Der Service hingegen ist so miserabel (bei Preisen, die in Peking ihresgleichen suchen), dass ich doch ein bisschen beschämt war. Die Englischkenntnisse der Mitarbeiter waren nicht ausreichend für den internationalen Standard. Überhaupt schien uns übereinstimmend, dass die Servicekräfte nicht wirklich geschult waren – gerade in einer Region, wo guter Service selbst in Eckkneipen selbstverständlich ist (mir wurde das Urteil von einem anderen in Peking ansessigen Bekannten, der die Gastroszene gut kennt, bestätigt). Eine Vorspeise wurde erst mit der Hauptspeise serviert, während eine Hauptspeise überhaupt nicht und erst nach mehrmaligem Nachfragen geliefert wurde (als alle anderen schon aufgegessen hatten). Man bekommt in Peking für ein Viertel des Geldes (wir zahlten ca. € 50 pro Person) mehr geboten – das Design natürlich ausgenommen.

Am nächsten Tag lies ich meine Pekinger Freunde die Wahl treffen. Wir gingen in das Beijing DaDong Roast Duck Restaurant, das mehrere Filialen in der Stadt hat. Das DaDong ist zwar auf Pekingente spezialisiert – die Speisekarte gleicht aber vom Umfang und von der Bebilderung her einem Versandhauskatalog: auf ca. 100 Seiten waren ca. 250 Gerichte, quer durch die chinesische Küche abgebildet. Man sollte in einer Gruppe von 5-8 Personen herkommen, um an einem runden Tisch mit Drehplatte eine möglichst große Variation von Speisen probieren zu können. Ente muss natürlich dabei sein. Dazu kommt ein Koch mit einem Arbeitstisch angerückt und schneidet das gebratene Tier in kleine Stücke, die man dann in kleine Pfannkuchen bettet, mit süßer Sojasauce bestreicht und mit Frühlingszwiebeln belegt. Auch alles andere – vom Quallensalat über gesottenes Rindfleisch bis hin zum grünen Gemüse mit Knoblauch war von bester Qualität.

Die Weinkarte lies nicht zu wünschen übrig – von einem Pomerol für € 1200 bis zu einer großen Auswahl australischen und europäischen Weinen ab € 30. Der Service war hier – wie zu erwarten – makellos. Hier gaben wir pro Person ca. € 14 für ein üppiges Mahl inklusive Bier aus.

Am letzten Tag, vor meinem Abflug nach Wuhan hatte ich keine Gesellschaft zum Essen, da ich mich kurz darauf noch mit Dan Stephenson, einem Mitglied der Bar-Consulting-Gruppe Alconomics, auf ein Bar Drinks in The Face treffen wollte. Also nutzte ich die Gelegenheit und habe gleich auch eines der beiden Restaurants des The Face ausprobiert. The Face hat Häuser in Beijing, Shanghai, Jakarta und Bangkok, die alle in asiatisch-kolonialem Stil eingerichtet sind. Es dominieren tropische Hölzer und dunkle Farben, das Licht ist gedämpft; alle Details sind wohl ausgewogen. Ein Platz für romantische Stunden. Chinesisches Essen gibt es hier nicht, stattdessen ein thailändisches und ein indisches Restaurant. Ich probierte letzteres aus und war mit meinem südindischen Lammcurry plus Naan außerordentlich zufrieden – von der Tatsache abgesehen, dass ich das einzige Rezept von der Karte gewählt hatte, dass mit zwei Chilischoten gekennzeichnet war, aber eher im Bereich des leicht scharfen angesiedelt war. Der offene Wein aus Australien war ordentlich aber nicht umwerfend. Für € 10-20 Euro kann man in The Face gepflegt essen und einen schönen Abend verbringen, vor allem, da man nur einen Raum weiter gehen muss, um zur Bar zu gelangen.

Auch hier dominieren dunkle und rote Töne, es gibt einen Billardtisch mit rotem Tuch und das Klackern der Kugeln wirkt wie ein Signal zum weiteren Entspannen. Man hat die Wahl zwischen einer gemütlichen Lounge, einem Außerbereich im begrünten Innenhof, sowie einem Platz an der Bar. Die Qualität der Cocktails ist von unterschiedlicher Qualität. Der klassische Martini war handwerklich gut gemacht, während der Daiquiri nicht unsere Zustimmung fand (hier ist man mehr auf Frozen Daiquiris mit Fruchtpürrees eingestellt). Aber man muss ja nicht unbedingt Coktails trinken – ein Bier oder ein Glas Wein tut es ja auch, und die Atmosphäre und die Qualität des Service lädt dazu ein, einen Abend im The Face zu verbringen.

Schließlich noch ein kleiner Abstecher ins Centro, einer Bar im Hotel Kerry Centre, die mir schon vor zwei Jahren positiv aufgefallen ist. Mit dem Taxi von The Face keine 10 Minuten. Das Centro ist eine andere Welt vom Typ mondäne Champagnerbar für Reiche und Schöne (zum Glück nicht nur); es geht laut zu, die Atmosphäre ist aber ungezwungen. Hier gibt es eine große Auswahl von offenen Weinen aus aller Welt, Zigarren und Cocktails, die ich leider nicht beurteilen kann, da mir zum Absacken nach Weißwein war. Dan bestätigt aber, dass hier manchmal einer der Ausnahmemixer von Beijing – Bruce Lee – die Hand am Shaker hat. Von 21 bis 23 Uhr gibt es hier Live Jazz.

Green T. House
紫云轩餐厅
6 Gongti Xilu
behind Worker’s Stadium
工体西路6号
+86-10-6552-8310/11
info@green-t-house.com

Da Dong Roast Duck Restaurant
大董烤鸭店
at Nanxincang at Tuanjiehu
Bldg 3, Tuanjiehu Beikou
southeast corner of Changhong Qiao
团结湖北口3号楼
东三环路长虹桥东南角
Tel. +86-10-6582-2892/4003/4102

The Face
26 Dong Cao Yuan,
Gong TiNan Lu Chao Yang Ou,Beijing 100020
中国北京市朝阳区工体南路, 东草园26号,100020
+86-10-6551 6788

Centro
im Shangri-La
Kerry Centre
No 1 Guanghua Road
Beijing 100020
China
+86-10-6561 8833

Fotos kommen in einer Woche.

Es gibt Bars, mit denen man sofort in love fällt. Die Q-Bar in Peking (danke an Dan Stephenson) ist so ein Platz. Wie viele besondere Plätze ist sie ein bisschen off centre, das heißt nicht mitten dort, wo sich die Touristenmassen konzentrieren. Sanlitun ist jedem Touristen als einer der Top-Nightlife-Adressen bekannt, ich habe mich dort nie wohl gefühlt. Folgt man jedoch der Sanlitunstraße ein bisschen (nach Osten? Westen? Norden? Süden?), kommt man in eine ruhigere Gegend. Hier liegt das Eastern Inn, ein lokales Zweisternehotel, und ein kleine Leuchtreklame weißt auf die Q-Bar hin. Nicht sehr auffällig, und eigentlich ein Platz, an dem man gleich wieder umdrehen möchte. Ich wollte einfach wieder einmal nicht glauben, dass ich am richtigen Ort bin, betrat die sehr post-sozialistische „Lobby“, und betrat den Aufzug. Kein Hinweis auf die Q-Bar, also drückte ich auf die höchste, die fünfte Etage. Immer noch kein Hinweis auf die Bar (ein ähnliches Feeling wie im Palladium in Nitra). Also noch mal eine abgeranzte Treppe hoch, und schon ist man in einer anderen Welt. Die Q-Bar hat eine schöne Dachterasse mit Holzmöbeln und Teelichtern. In der eigentlichen Bar ein langer Tresen; einfaches, aber klares Design, dunkelrote Wände, kein Schnickschnack – einfach nur Bar.

Hier wirkt Wendy (die linke der beiden Damen auf dem Photo), die aber nicht die Hauptmixerin des Hauses ist. George muss ich ein anderes Mal kennenlernen. Wendy macht gute Cocktails, alles stimmt. Gute Auswahl an Vodkas und Malts (natürlich), aber auch überraschend viele Gins; wenig Rums. Ein klar gegliedertes Menü, und die Drinks stimmen. Ich startete mit einem Q-Bar-Martini (Gin oder Vodka, Vermouth, Minze!) – perfekt. Überhaupt – die Martiniauswahl war eine der besten, die ich seit langem gesehen habe. Dann einen XYZ, eine Art Daiquiri (weißer Rum. Cointreau, Limonensaft), und schließlich ein Bourbon Sour.

Die Q-Bar gilt unter vielen Barflies als die beste Pekings.

6/F, Eastern Hotel
Corner of Sanlitun Nanlu and Gongti Nanlu
三里屯南路和工体南路交接口
朝阳医院东门逸羽酒店6层
Phone: 6595-9239, 139-1031-9718
www.qbarbeijing.com
drink@qbarbeijing.com
Open 6pm-2am

Die chinesische Millionenstadt Lanzhou (sprich: Lan-chow) ist, wenn überhaupt, durch drei Dinge bekannt. Erstens ist sie die Hauptstadt einer der ärmsten chinesischen Provinzen (Gansu), zweitens hatte sie in den neunziger Jahren den zweifelhaften Ruf der Stadt mit der größten Luftverschmutzung der Welt, und drittens wegen der Lanzhou-Nudeln. Ich war drei Mal in Lanzhou und der umgebenden Provinz. Die Küche dort ist eine typisch bäuerliche, geprägt vom harten, trockenen Gebirgsklima. Es gibt Kartoffeln, Wintegemüse, Lammfleisch und Nudeln. Manchmal glaube ich, dass die Nudel genau hier erfunden worden sein muss. Als vor zwei Wochen die Nudelsuppenpreise in Lanzhou um ein paar Cent erhöht wurden, gab es fast einen Volksaufstand.

Eigentlich gehe ich außerhalb von Chinas Landesgrenzen prinzipiell nicht chinesisch essen. Wenn man einmal echte chinesische Küche genossen hat, kann man das, was man in sogenannten China-Restaurants in Europa und in meisten anderen Teilen der Welt vorgesetzt bekommt, nur im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung oder nicht anders zu bezwingenden Hungers herunterbekommen.

 

In Berlin kenne ich genau ein chinesisches Restaurant, das nicht nur meine Gnade findet, sondern in höchsten Tönen besungen wird: Das Selig in Charlottenburg. Eingeklemmt zwischen russischen Billigläden, Sexshops und vor allem einer Reihe anderer asiatischer Restaurants, fällt es äußerlich durch nichts auf. Die Stühle sind aus billigem Holz, es gibt keine Tischdecken (aber auch keine chinesische Folkloredekoration). Nun gut, es gibt minimalistische Hinweise, darauf, dass hier die chinesische Uhr anders tickt: das tiefblaue Aquarium ist ganz anders als der Goldfischteich bei anderen Chinesen, und die offenen Weine (12 ander Zahl) sind mit Kreide an die Wand geschrieben.

 

Hier geht alles um das Essen, das ursprünlicher nicht sein könnte. Und vor allem geht man hierhin, um Lanzhou-Nudeln (Lanzhou Lamian) zu essen – selbstgemachte Bandnudeln in einer kräftigen Brühe mit vielen großen Rindfleischscheiben und Frühlingszwiebeln (€ 8,30). Mehr braucht der Mensch nicht zum Glück. Wobei – es gibt noch mehr zu entdecken, z.B. die Bauernente, die in Teigrollen und einer dicken Sojasauce als Vorspeise gereicht wird (€ 5,90), die Jiao-Zi Teigtaschen, mit Schweinefleisch gefüllt, an einem Lanzhou-Nudelsalat (€ 5,30). Selbst das süß-saure Schweinefleisch nach Art Nordwestchinas (natürlich auch auf Nudeln), schmeckt so ganz anders als das, was man vom Chinesen an der Ecke gewöhnt ist (€ 8,80).

Und jetzt kommt die Krönung – der offene Wein ist von einer Qualität, wie man sie vermutlich in keiner anderen chinesischen Kneipe in ganz Berlin bekommen kann. Es gibt je sechs Weiß- und sechs Rotweine aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Australien und Südafrika. Ich trank Christy’s Land Chardonnay Semillion, gut eingeschenkt, das Glas für € 3,50. Wiederkommen!

Einen schönen Hintergrundbericht über Lanzhou Nudeln finden Sie hier.

Selig
Kantstr. 51
10625 Berlin
Tel: +49 30 31017241

Fotos: drymartini