Wer schon einmal versucht hat, in einer mittleren deutschen Provinz- und Universitätstadt am Samstagnachmittag Wein zu kaufen, kann nachvollzehen, wie es mir gestern erging. Ich war bei meinem Bruder zum Essen eingeladen und um 16 Uhr fiel mir in gewohnter Großstadtmanier ein, dass ich ja eigentlich etwas Wein mitnehmen könnte. Nichtirgendeinen Wein, sondern einen guten. Gesagt, getan: in die Innenstadt fahren, die städtischen Parkometer konsequent missachten und dann zu dem einzig mir bekannten Weineinzelhändler in dieser Stadt hineinhuschen (es soll noch weitere geben). Am gleichen Morgen hatte ich um 9 Uhr 50 schon einmal erfolglos vor dem Laden, der Weinrebe am Giessener Markt gestanden. Übrigens ist ebendieser Markt einer der schönsten Wochenmärkte, die ich in Deutschland kenne (Mittwoch und Samstag, viele Produkte aus der Region. Sehenswert, die denkmalgeschützten Marktlauben, in denen die Fleischer sich niedergelassen haben). Am Nachmittag war ich dann ebenso erfolglos, da der Weinladen am Samstag genau von 10 bis 15 Uhr geöffnet hat. Prima!

Also in die Shopping Mall stürzen (ja, auch eine Mittelstadt hat so etwas heutzutage – hier heißt es Neustädter Tor).

Eigentlich bin ich strikter Gegner vom Weinkauf im Supermarktregal, auch wenn ich dem Weinverkostungen Blog für seine differenzierten Betrachtungen zu diesem Thema sehr danke. Wenn ich im Supermarkt Weine kaufe, die ich nicht kenne, bin ich in acht von zehn Fällen enttäuscht. Und dann deprimiert es mich regelmäßig, dass es in Supermärkten eine Riesenauswahl im 2-4 Euro Bereich gibt, die ich mit Missachten strafe, und dann noch einen Barolo oder einen Bordeaux für schlappe zwanzig Euro, die nie ihr Geld wert sind. Aber es gibt ganz wenige Zwischengrößen im Supermarkt. Warum eigentlich? Es trinken doch nicht alle Supermarktkäufer schlechten Wein!

Schließlich gab es dann doch eine Überraschung, genauer gesagt, es gab zwei Überraschungen. Für jeweils unter € 10 konnte ich zwei ausgezeichntete Saint-Emilions erstehen, davon ein Grand Cru, die beide noch am gleichen Abend verkostet wurden. Wir haben die Weine ca. eine Stunde vor der Verkostung geöffnet, aber nicht dekantiert, was zumindest dem Grand Cru gut getan hätte. Beide Weine waren große Klasse, und obwohl sich sie von ihren Basisgeschmacksnoten ähnelten, waren es doch zwei grundverschiedene Weine.

Chateau Peymotoun 2004 Grand Cru der Familie Baeumartin in Saint Christophe des Bardes kam sehr wuchtig daher, mit vollen Tönen aus Zedernholz, Leder, Tabak, Brombeere. Die Tannine sind deutlich herausgearbeitet, so dass dieser Wein mich sicher im Winter noch einmal zu einem dunklen Braten erfreuen wird. Wie bereits erwähnt, sollte dieser Wein dekantiert werden. Nach DI (drymartini-Index) bekommt dieser Wein, der in der Business und First Class von Continental Airlines serviert wird, 44 von 49 möglichen Punkten. Es lohnt sich den Wein hinzulegen, er wird bestimmt noch besser.

Der zweite Wein, Chateau La Claymore 2003 konnte kaum anders sein und doch war er auf seine Art ebenso beeindruckend. Hier waren die Tannine sehr eingebunden, fast versteckt, so dass dieser Wein außergewöhnlich sanft, fast samtig daherkam. Das kann nicht mit dem einen Jahr, den er mehr auf dem Buckel hat, zusammenhängen. Nette Schokoladennoten, schwarze Johannesbeere, Pflaume, im Abgang etwas Erdbeere. Sicherlich der unkompliziertere und „schönere“ Wein und anfangs mein Favorit, schwenkte ich schließlich doch wieder zum Peymouton um, der etwas mehr Charakter hatte. Trotzdem bekommt der La Claymore die gleiche Punktzahl, nämlich DI: 44. Hier kann weitere Lagerung nicht mehr viel verbessern. Jetzt trinken!

Chateau Peymouton: € 9,99
Chateau La Claymore: € 8,99
gekauft bei Tegut, Gießen.