Wer die Perlen liebt, muss bereit sein zu tauchen.

Alle haben von ihm gehört, aber keiner kennt ihn – Luboš Rácz, der bloggende Bartender aus der slowakischen Provinz. Luboš war in den letzten Monaten in den deutschen Cocktailforen und Blogs durch seine fundierten Einsichten aufgefallen, und durch seinen Barblog (auf slowakisch). Der drymartini Blog war neugierig und hat sich auf den Weg in die tiefe osteuropäische Provinz aufgemacht, nach Nitra, einer 100.000 Seelen-Stadt, durch die ich schon oft durchgekommen bin, aber nie angehalten habe. Immer fiel mir der Satz aus einem meiner Lieblingsfilme ein, Blue Moon, von Josef Hader, in dem Detlev Buck in irgendeiner slowakischen Provinzkaschemme an der Bar zu Hader sagt: „Dir steht auf die Stirn geschrieben Ich will etwas erleben. Is nicht – tote Hose.“

Also stieg ich in Bratislava in einen der mehrmals stündlich verkehrenden Überlandbusse (€ 3, 70-90 Minuten) und fuhr durch die zentraleuropäische Steppe, die sich vom Neusiedlersee bis tief nach Ungarn zieht, um in einer zutiefst osteuropäischen Stadt anzukommen. Hier soll ein Barkünstler wirken? Der nächste Schock saß tief:

Getrennte Taxis für Frauen und Männer? War hier kürzlich eine islamische Republik ausgerufen worden? Gab es vielleicht bei Luboš nur noch Virgin Coladas und alkoholfreie Martinis? Tatsächlich standen genau zwei Taxis hinter dem Toilettengebäude – und der erste Fahrer sagte kollega. Der Kollege (Männertaxi?) übernahm und nach drei Minuten und einer Taxirechnung von € 1,80 stand ich am Rande eines Bauzaunes mit einem mehr oder wenig dezenten Hinweis auf das Paladium (aufatmen: die Frauen gehen nicht verschleiert durch die Straßen von Nitra!):

Immer noch wolte ich nicht glauben, dass ich hier richtig war, bis ich zwei Stockwerke über dunkle Treppen gestiegen war und sich mir ein dezentes Restaurant mit Bar (oder umgekehrt) eröffnete. Und da stand er, der Cocktailprinz aus der Provinz, Luboš.

Um es auf den Punkt zu bringen: ich habe vier Stunden so verbracht, wie ich es mir wünsche und vorletzte Woche in meinen 10 Kriterien für eine gute Bar beschrieben habe. Sollte ich in den 10 Kriterien Punkte von 1-10 vergeben (100 für das perfekte Ergebnis), läge das Paladium irgendwo im Bereich von 80 bis 90 (den Martini-Test habe ich leider nicht gemacht, aber ich bin mir sicher, er wäre zur vollen Zufriedenheit ausgefallen).

Die vier Drinks waren ausnahmslos lecker und kreativ; es gab Wasser ohne Ende; die Qualität der Spirituosen und der Zutaten waren superb (Bitter Truth! selbstgemachte Infusionen!). Luboš hat ein wunderschönes Barmenü (wer es sehen will, muss mich auf einen Drink einladen – oder in die Slowakei fahren).

Ich startete mit einem Gimlet aus mit thailändischen Zitronengras-Zitronenschalen-Tee versetzten Bombay Gin, Lime Juice und Limonensaft, eine Spur Litschi-Likör und als Krönung getrocknete und zerriebene Limonenschalen (hoffentlich ungespritzt). Super.

Dann eine Eigenkreation: Simplicity. Bombay, Zitrone, Sirup Orangenblütenbitter, Orangenbitter (beide von Bitter Truth),  Eiweiß und ein Schuss Grand Manier. Fantastisch.

Anschließend stiegen wir auf meinen Wunsch aufs Rumfach um. Ich liebe, seitdem ich blogge und in der Triobar war, Daiquiris: Damoisan weißer Rum aus Guadeloupe, Rohrzucker, Limonensaft. Einfach erfrischend.

Schließlich hat mir Luboš noch einen weiteren eigenen Drink serviert: Pineapple Daiquiri. Zerquetschte Ananas, Matusalem Rum, Havanna Reserva mit Vanilleschote infundiert, Rohrzucker mit Vanilleschote aromatisiert, Zitronensaft  (ein bisschen zuviel der Vanille, aber auch lecker). Dann war es an der Zeit, den Bus nach Bratislava zu nehmen.

Ich erwähnte es bereits: das Paladium ist auch ein Restaurant, mit einer italienisch / asiatisch /zentraleuropäisch angehauchten Speisekarte. Ich aß ein Risotto mit Cherry- und getrockneten Tomaten, Basilikum und Hühnerbrust. Ausgezeichnet; auf den Punkt gekocht und aromatisch. Man sagt, dass man in Nitra nicht besser essen kann. Den Namen des Küchenchefs und Partners von Luboš muss ich noch einmal recherchieren.

Ich sollte es eigentlich nicht erwähnen, aber ich tue es doch: es wird wenig Plätze auf dieser Welt geben, wo man für so wenig Geld so gepflegt speisen und trinken kann. Manchmal schämt man sich, auf der Sonnenseite des Leben geboren zu sein.

Ach ja: Eric Lorincz, der in London mixt, war auch da.

Stanislav Vadrna und Luboš Rácz: Zwei Künstler an Plätzen, wo man sie nicht erwartet hätte.

Paladium bar and restaurant
Sturova 71
Nitra
Tel. +42-37-650 6578

Fotos: drymartini (1-3), Luboš Rácz (4)