Niemand sage, ich hätte mich nicht bemüht. Ich habe meinen Besuch in Kassel, immerhin einer Stadt von fast 200.000 Einwohnern und der Austragungsort der von mir seit 30 Jahren geliebten Dokumenta (ich sah die Beuys’sche Honigpumpe 1982!), minutiös vorbereitet. Recherchen im Internet. Nachfragen in diversen Foren. Letztlich verließ ich mich auf das eigene Fleisch – meine liebe Tochter, die seit 5 Jahren in dieser nordhessischen Metropole lebt und seitdem die Gastronomie von innen studiert hat.

Was soll ich Euch sagen? Die 12. Dokumenta wird sicherlich irgendwo fachkundiger besprochen; sie gefiel mir besser als die 11., aber ich lebe immer noch von den Erlebnissen der 70er und 80er Jahre, als Kunst nicht nur in der Aussage, sondern auch in der Form radikal war. Aber Essen und Trinken? Insgesamt probierten wir sechs verschiedene Lokalitäten aus, darunter die 100 Tage Bar Re:Launch auf dem Schlossberg; mehr Lounge als Bar, ein misslungener Versuch, Cocktails in die Provinz zu bringen, weil alles einfach zu schnell gehen muss, und alles auf Basis von Standardspirituosen  zubereitet wird – aber eine grandiose Aussicht auf die hessische Berglandschaft und auf Kassel.

Es gibt Wasser in der Wüste: das Mistral, ein kleines mediterranes Restaurant am Rande der Innenstadt. Man betritt es und fühlt sich sofort nach Frankreich versetzt. Das Mistral bietet eine täglich wechselnde Tageskarte auf ziemlich gutem Niveau bei klenen Preisen, ca. 15 offene Weine, netten Service (wer gerade kocht und wer die Theke macht, wird auf Schiefertafeln angegegeben), und überraschend kreatives Essen.

Wir (Liebste, liebste Tochter und ich) aßen: Tagliatelle mit Krebsfleisch auf einer Krebsschaumsauce, Zander mit Kartoffelkruste und Mittelmeergemüsen und getrüffelte Wachtel mit Olivensauce und Sommertrüffeln. Alle Gerichte so um € 10, alles super aromatisch und dazu frische Weine. So etwas muss ich in Berlin noch finden.

Zu erwähnen wäre noch, dass ich der Creperie Hendrick’s Gin fand und eine Tresenkraft, die zwar mit dem Begriff „Martini Cocktail“ nichts anfangen konnte, aber diesen meiner Lieblingsgins mit Eis und Gurke servierte, und dass die Ausnahme-Susheria Shinyu (auch so etwas sucht in Berlin seines gleichen) wirklich eine unglaubliche Vielzahl an tollen Sushis anbietet.

Sorry für die Großstadtarroganz.

Mistral
Schönfelder Str. 54
34121 Kassel
0561/9219998

Shinyu
Friedrich-Ebert-Str. 79
34119 Kassel
0561/739 79 13