Die chinesische Millionenstadt Lanzhou (sprich: Lan-chow) ist, wenn überhaupt, durch drei Dinge bekannt. Erstens ist sie die Hauptstadt einer der ärmsten chinesischen Provinzen (Gansu), zweitens hatte sie in den neunziger Jahren den zweifelhaften Ruf der Stadt mit der größten Luftverschmutzung der Welt, und drittens wegen der Lanzhou-Nudeln. Ich war drei Mal in Lanzhou und der umgebenden Provinz. Die Küche dort ist eine typisch bäuerliche, geprägt vom harten, trockenen Gebirgsklima. Es gibt Kartoffeln, Wintegemüse, Lammfleisch und Nudeln. Manchmal glaube ich, dass die Nudel genau hier erfunden worden sein muss. Als vor zwei Wochen die Nudelsuppenpreise in Lanzhou um ein paar Cent erhöht wurden, gab es fast einen Volksaufstand.

Eigentlich gehe ich außerhalb von Chinas Landesgrenzen prinzipiell nicht chinesisch essen. Wenn man einmal echte chinesische Küche genossen hat, kann man das, was man in sogenannten China-Restaurants in Europa und in meisten anderen Teilen der Welt vorgesetzt bekommt, nur im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung oder nicht anders zu bezwingenden Hungers herunterbekommen.

 

In Berlin kenne ich genau ein chinesisches Restaurant, das nicht nur meine Gnade findet, sondern in höchsten Tönen besungen wird: Das Selig in Charlottenburg. Eingeklemmt zwischen russischen Billigläden, Sexshops und vor allem einer Reihe anderer asiatischer Restaurants, fällt es äußerlich durch nichts auf. Die Stühle sind aus billigem Holz, es gibt keine Tischdecken (aber auch keine chinesische Folkloredekoration). Nun gut, es gibt minimalistische Hinweise, darauf, dass hier die chinesische Uhr anders tickt: das tiefblaue Aquarium ist ganz anders als der Goldfischteich bei anderen Chinesen, und die offenen Weine (12 ander Zahl) sind mit Kreide an die Wand geschrieben.

 

Hier geht alles um das Essen, das ursprünlicher nicht sein könnte. Und vor allem geht man hierhin, um Lanzhou-Nudeln (Lanzhou Lamian) zu essen – selbstgemachte Bandnudeln in einer kräftigen Brühe mit vielen großen Rindfleischscheiben und Frühlingszwiebeln (€ 8,30). Mehr braucht der Mensch nicht zum Glück. Wobei – es gibt noch mehr zu entdecken, z.B. die Bauernente, die in Teigrollen und einer dicken Sojasauce als Vorspeise gereicht wird (€ 5,90), die Jiao-Zi Teigtaschen, mit Schweinefleisch gefüllt, an einem Lanzhou-Nudelsalat (€ 5,30). Selbst das süß-saure Schweinefleisch nach Art Nordwestchinas (natürlich auch auf Nudeln), schmeckt so ganz anders als das, was man vom Chinesen an der Ecke gewöhnt ist (€ 8,80).

Und jetzt kommt die Krönung – der offene Wein ist von einer Qualität, wie man sie vermutlich in keiner anderen chinesischen Kneipe in ganz Berlin bekommen kann. Es gibt je sechs Weiß- und sechs Rotweine aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Australien und Südafrika. Ich trank Christy’s Land Chardonnay Semillion, gut eingeschenkt, das Glas für € 3,50. Wiederkommen!

Einen schönen Hintergrundbericht über Lanzhou Nudeln finden Sie hier.

Selig
Kantstr. 51
10625 Berlin
Tel: +49 30 31017241

Fotos: drymartini