Die Geschichte des Martinis ist eng mit dem Aufstieg und Fall der amerikanischen Moderne verbunden, sagt Max Rudin, ein Historiker, der sich durch eine spannende und anregende Aufarbeitung der Geschichte des Martinis verdient gemacht hat. Seine Gedanken kann man im Internet nachlesen: “THERE IS SOMETHING ABOUT A MARTINI” (American Heritage, July/August 1997 Volume 48, Issue 4) – und nachhören. Ein Interview mit Rudin ist in der Sylvestersendung von 1997 der Society of American Historians zu hören (leider nur im Real Media Format; ich bemühe mich um die Rechte und werde es dann weiterverarbeiten). Das ca. zwanzigminütige Interview ist so kurzweilig, dass es bei mir zu einem Standardbegleiter zu einem frühabendlichen Martini, vielleicht beim Kochen, werden wird (ein Hinweis – das Interview beginnt im Audioclip etwa nach sechs Minuten).

Der Martini ist der moderne Cocktail, sagt Rudin, und er ist uramerikanisch. Er wurde populär in der gleichen Zeit wie der Jazz, die ersten Anfänge neuer sexueller Freiheiten, der Wolkenkratzer und andere Elementen der Moderne. Er tauchte in den amerikanischen Barkarten in den achtziger Jahren des 19. Jh. auf., und wurde populär in den 1930ern. Der Ursprung des Namens ist nicht eindeutig geklärt. Viele kennen sicherlich die Geschichte des Goldgräbers, der seine Schulden in einer Bar im kalifornischen Martinez mit einem Nugget bezahlen wollte. Als der Keeper kein Wechselgeld zur Vergügung hatte, sagte der Miner: „Mach mir noch einen Drink,“ woraufhin der Bartender ihm ein Getränk mixte, dass er daraufhin „Martinez“ genannt haben wollte. Die Geschichte ist schön, sagt Rudin, aber eben nur eine von vielen. Der Aufstieg des Martinis wurde durch die Prohibition gefördert, da man mit harten Spirituosen mehr Gewinn als mit Bier und Wein machen konnte – und weil der Gin leichter zu fälschen war als Whiskey.

Während der Martini in seiner Frühzeit eher ein süßer Drink war, ist er in der Zeit immer trockener geworden. Dies hat dazu geführt, dass er immer mehr als typischer Männerdrink verstanden wurde, ein Stigma, das sich in der heutigen postmodernen Zeit glücklicherweise immer mehr verliert. Während der Autor 1997 noch den Niedergang des Dry Martinis in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts beschreibt, kann man heute sagen: der Martini hat sich seinen Platz an der Spitze des Barmenüs wieder zurück erobert. Da gehört er hin!

Foto: Icka auf Flickr