Es ist eine altbekannte Weisheit, die fast überall in Europa gilt: Die kulinarischen Schätze sind oft in der Provinz verborgen. Warum sollte man nach Stadthagen reisen, wenn es nicht dringende Geschäfte gebieten oder, wie in meinem Fall, ein Besuch bei den Schwiegereltern ansteht? Doch, belehrt mich meine Liebste: Stadthagen ist eines der wichtigsten Beispiele der Weserrenaissance und hat ein praktisch komplettes Stadtensemble aus dem 16. Jahrhundert zu bieten.

Nichts deutet jedoch darauf hin, dass diese kleine niedersächsischen Kleinstadt vor den Toren Hannovers eine Überraschung für den Lustesser bereithält.

Das Torschreiberhaus wird seit 1995 von Götz Knauer (Küche) und seiner Frau Susanne (Service) betrieben. Es befindet sich in einem historischen Gebäude am Rand der Innenstadt von Stadthagen. Ein geschackvoller Anbau in rostrot erweitert die Räumlichkeiten auf insgesamt ca. 40-50 Plätze. Innen überwiegt klares, minimalisitisches Design. Geöffnet ist nur abends, und auch nur von Dienstag bis Sonntag.

Während wir die Speisekarte studierten, gab es statt eines Amuse Geule Rohkost und einen Linsen-Knoblauch-Dip. Neben der Abendkarte wird ein täglich wechselndes 3-4-Gang Menü angeboten (3 Gänge: € 39, 4 Gänge €46), das ich auswählte. Um es vorwegzunehmen: Die Speisen überzeugen mit interessanten Aromamixturen und einer guten Warenqualität.

Als Auftakt gab es Spanferkeltortelloni auf gebratenem grünen und weißem Spargel, mit Sesam und Sojabutter. Ein wunderbar kräftiger Geschmack, der an japanische oder koreanische Küche erinnert. Dazu ein Glas 2006 Weißburgunder von Wagner Stempel (Rheinhessen), der durch seine feinen Zitrus- und Stachelbeeraromen betört.

Weiter ging es mit Loup de Mer auf Tomatennudeln. Der Geschmack des Wolfbarsches war wunderbar hevorgehoben und wurde nicht durch die Beilage dominiert. Als Hauptgang dann, eher klassisch, ein Rinderfilet von hervorragender Konsistenz, mit Kräutersaiblingen und einem Kräuterkartoffelpürree. Da war ich schon satt. Aber es sollte noch der Nachtisch folgen. Mittlerweile hatte ich den Wein gewechselt: 2003 Syrah/Mouvedre von Gerard Bertrand (Cotes de Languedoc), der gut zum Fleisch passte, aber doch etwas Ausdruck vermissen ließ.

Als Desert gab es eine Kombination von Erdbeerparfait, karamelisierte Mousse, Ananasravioli und Früchten. Gut, aber nicht aufregend und keinesfalls mit den Gschmackssensationen der Vor- und Hauptgerichte vergleichbar.

Die Weinkarte ist ordentlich mit ca. 60 Positionen; in Weißweinfach hauptsächlich aus Deutschland. Zu erwähnen ist das gute Angebot von etwa einem Dutzend offener Weine.

Dass das Torschreiberhaus 17 Punkte im Gault Millau hat, schlägt sich glücklicherweise am Ende nicht im Geldbeutel nieder – es lohnt, in die Provinz zu fahren.